Trabin war der einzige, dessen Gedankengänge nicht vollkommen blockiert waren, zumal es den Mönchen nicht gelungen war, ihm die Feuerklinge zu entwenden. Selbst jetzt, in einem Moment größter Überlegenheit fürchteten sie das Schwert. Auch die anderen hatten sie nicht entwaffnet, denn die Waffen seiner Gefährten waren nur gefährlich für die sterblichen Lebewesen Acyras. Sie stellten keine echte Bedrohung für diese Schattenwesen dar. Einzig die Magie des Magrolins hatte man ausgeschaltet, was dem armen Smaruk doch sichtlich mitgenommen hatte. Kurz nachdem der Magrolin qualvoll schreiend zusammengebrochen war, hatte sich ein Schleier der Finsternis um sie gelegt und erst jetzt war Trabin wieder in der Lage seine Umgebung wahrzunehmen. Das Gewölbe, in dem sie sich jetzt befanden, war von einer tiefen Dunkelheit erfüllt, die so durchdringend Schwarz erschien, als würde sie alles Leben in sich aufsaugen. Trabin fühlte Wogen des Hasses, die ihn umgaben, eine böse Aura, die überall um sie herum war, körperloses Grauen, das doch real war. Er sah nur Dunkelheit, die einfach der reine Widerspruch zu allem Lebenden, Menschlichen darstellte und nur ein Ziel kannte: die vollkommene Vernichtung aller Ideal, die unter den Völkern Acyras herrschten. Die Sicht reichte nicht einmal bis zum Ende eines ausgestreckten Armes. Trabin spürte die Gegenwart seiner Kameraden mehr als daß er sie gesehen hätte. Obwohl die Feuerklinge in seinen Händen greller leuchtete als je zuvor, wurde dieses Leuchten sofort von dieser alles durchdringenden Finsternis absorbiert. Es war unmöglich für Trabin festzustellen, ob die Mönche der Finsternis noch unter ihnen waren. Sehen konnte er sie jedenfalls nicht. Er erkannte nirgendwo das Aufblitzen der dunkelroten Pupillen, doch das mochte nichts bedeuten, denn vielleicht wurde auch dieses Leuchten von der Dunkelheit verschluckt? Doch Trabin spürte nicht nur die Finsternis, die ihn umgab. Er spürte noch etwas. Etwas, das er kannte. Etwas, das viel schlimmer war, als diese Finsternis. Er spürte die Gegenwart des Regenten. Erinnerungen an seine erste Begegnung mit dem Regenten auf der Wüsteninsel wurden wach. Sobald ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging fühlte er den Zorn des Regenten. Zorn und Haß, die einzig und allein gegen ihn gerichtet waren. Zorn darüber, was Trabin ihm damals angetan hatte… Schweiß trat ihm auf die Stirn und das Atmen fiel ihm immer schwerer. Er fühlte sich, als würde er regelrecht von dieser Schwärze zerdrückt. Trabin keuchte und umklammerte die Feuerklinge noch fester. Diesmal hatte er die Feuerklinge! Und er wußte, daß er der Erwählte war! Wenn er doch nur wüßte, wie er die Macht des Schwertes entfalten konnte! Waren seine Gefährten eigentlich noch bei ihm? Er wußte es nicht. Sie sprachen nicht und auch sonst deutete nichts auf ihre Gegenwart hin. Was, wenn er dem Regenten schon wieder allein gegenüberstand? Er hörte einen entfernten Schrei. War das nicht das Stöhnen des Magrolins? Wieder ein qualvoller Aufschrei. Die Stimme stammte zweifelsfrei von Acnari! Vor ihm lichtete sich auf einmal das Schleier der Dunkelheit für einen Moment. Er sah für einen Augenblick seine Schwester umringt von mehreren Mönchen der Finsternis. Sie preßte beide Hände gegen die Schläfen, schrie und krümmte sich vor Schmerzen. Trabin wollte zu ihr laufen, ihr helfen, doch er war unfähig sich zu bewegen… Die Sicht verblaßte und vollkommene Schwärze hüllte ihn wieder ein. Ein schallendes Hohngelächter ertönte von allen Seiten zugleich. Da war Danair! Verzweifelt schlug der Zwerg mit seiner Axt um sich und versuchte sich gegen eine nicht enden wollender Schar von Morloks zu verteidigen. Wann immer der Zwerg einen von seinen Gegnern niederschlug, tauchten zwei neue auf, die nur noch brutaler auf ihn einstürmten Die Sicht verblaßte. Abermals ein bösartiges Lachen, das ihm durch Mark und Bein drang. Trabin sah den Körper des Pocos an eine schwarze Felswand gekettet. Die Augen von Nachistir waren glasig und starrten ins Leere. Schlaff hing er in seinen Ketten, wie eine willenlose Marionette. Im Hintergrund hörte er erneut das dämonische Gelächter des Regenten, als seine Sicht sich wieder verschleierte… Trabin hörte den entsetzlichen Todesschrei und sah noch einmal, wie sein Freund Madas, der mit ihm von der Insel Tras entführt wurden war, mit gebrochenem Genick vor einem Morlok in seinen Blut lag. Er sah noch einmal, wie Ibis von Tentakeln gepackt in die Tiefen des dunkeln Sees gezogen wurde. Er sah sein Dorf brennen, das von Morloks verwüstet wurde. Dann sah er den reglosen Körper von Smaruk. Der Magrolin lag direkt vor ihm und stöhnte auf. Dann war er verschwunden. Wieder lachte der Regnet. Verzweifelt versuchte Trabin um sich zu schlagen, doch noch immer war sein Körper gelähmt. Er konnte nichts tun, noch nicht einmal seine Augen konnte er vor diesen grausamen Bildern verschließen! Er wollte schreien, doch noch nicht einmal das konnte er… Trabin sah einen Schwarm Baras, der sich auf den Kennek stürzte und den Körper des kleinen Akis in kleine blutige Stücke rissen. Die schrillen Schmerzensschreie des Kenneks hallten von allen Seiten wieder. Plötzlich sackte Trabin in die Tiefe. Er verlor den Boden unter seinen Füßen und stürzte immer weiter in die Unendlichkeit. Er fiel wie ein Stein immer weiter und weiter und raste immer schneller und schneller immer weiter nach unten. Er wollte schreien, mit den Armen rudern und nach Halt greifen, doch sein Körper war nach wie vor steif wie ein Felsbrocken. Er raste auf einen Stelle zu, die noch finsterer als seine Umgebung war. Noch schwärzer als das tiefe Schwarz rings um ihn herum! Eine formlose, schwarze Wolke waberte unter ihm und nahm seinen Körper in sich auf. Trabin bekam keine Luft mehr, seine Sinne drohten endgültig zu schwinden und alles was sein Körper noch empfand war Schmerz, als elektrische Entladungen durch seine Glieder jagten. Seine Ohren waren betäubt von dem schrillen Gelächter der Regenten… Trabin keuchte und fühlte wie seine Kräfte schwanden. Noch immer hielt er die Feuerklinge fest umklammert, doch selbst die Energien des Schwertes, die durch seinen Körper strömten reichten nicht aus, um den Angriffen des Regenten zu widerstehen. Nicht hier, nicht in Soth-Tren! Hier würde er nur mit der vollen Kraft des Feuerklinge bestehen können… Trabins Körper wurde weiter von den Angriffen des Regenten geschwächt, seine Sinne trübten sich und bald würde er völlig hilflos sein, wenn nicht etwas geschah. „Trabin!“ Es war eine bekannte Stimme, doch er konnte sie nicht zuordnen. Die Stimme war ihm vertraut, doch sie schien von sehr weit her zu ihm zu dringen. „Trabin, nutze das Schwert!“ Wie zur Bestätigung dieser Worte leuchtete die Feuerklinge in seinen Händen noch einmal grell auf. Trabin sah die schattenhaften Umrisse einer Gestalt, die in weiter Ferne war. Er versuchte diese Gestalt zu fixieren und erkannte einen seiner Gefährten. Es war der Abaron. Phochrist stand dort, wie ein Fels in der Brandung, die Wogen der Finsternis schienen ihm nichts anhaben zu können. Wieder sprach er zu Trabin. „Du mußt die Kräfte der Feuerklinge nutzen, sonst sind wir alle verloren!“ Trabin hatte Mühe, sein Bewußtsein nicht zu verlieren, denn in dem Moment als das Bild von Phochrist sich vor seinen Augen manifestiert hatte, nahmen die Schmerzen zu, die ihm der Regent bereitete. „Wie…?“ keuchte Trabin mit seinen letzten Atemzügen. Für einen Moment wurde alles Schwarz um ihn, fast schien er die Besinnung verloren zu haben, doch noch einmal strömten die Kräfte der Feuerklinge durch seinen Körper und rissen ihn in die Wirklichkeit zurück. Phochrist wollte wohl noch etwas sagen, doch seine Worte drangen nicht bis an Trabins Ohr. Das Bild des Abarons verblaßte in der Dunkelheit und erlosch. Die geistige Verbindung zwischen Trabin und Phochrist war ebenso rasch abgebrochen wie sie entstanden war. Doch in dem Moment, in dem Phochrist verschwunden war, hatte der Abaron das Medaillon, das er um seinen Hals trug abgenommen und in die Finsternis geworfen. Es war das seltsame Medaillon, das Phochrist schon immer getragen hatte, das Medaillon, das ständig seine Formen änderte und das ihn schon mehrfach Zugang zu den Geheimnissen Acyras gewährt hatte. Nun schwebte dieses Medaillon wie ein letzter Hoffnungsschimmer durch die Dunkelheit, begann zu leuchten formte vor Trabins Augen einen Buchstaben. Trabin erkannte ein ‘A’. A wie An-Kalah. Seine Erinnerung an das Wort, das ihn bereits auf der Wüsteninsel gerettet hatte. Phochrists Medaillon war verschwunden und Trabins Körper schien nun endgültig die Grenze der Belastbarkeit überschritten zu haben. Gerade drohte die Finsternis ihn erneut zu umfangen, als er mit allerletzter Kraft mit seinen Lippen das Wort ‘An-Kalah’ formte. Kaum hörbar, nur ein leises Wispern, doch sofort fühlte er die unheimliche Macht in seinem Inneren wachsen und mit jedem Augenblick stärker werden. Die Attacken des Regenten verstärkten sich sofort und wirkten dieser Macht entgegen. Trabin taumelte am Abrund zur Ohnmacht, doch die Kraft des Erwählte bahnte sich ihren Weg unaufhaltsam und in dem Maß, indem seine Kräfte erstarkten, schien auch die Macht der Feuerklinge zuzunehmen. Das Leuchten des Schwertes nahm immer mehr zu und drängt die Finsternis rings um ihm herum langsam aber unaufhaltsam zurück. Noch einmal schrie Trabin das Wort ‘An-Kalah’ mit aller Kraft aus sich heraus, riß die Feuerklinge in die Höhe und wurde dann von der Entladung einer geballten Energiewelle gepackt und davon geschleudert. Als er das Bewußtsein dann endgültig verlor, dröhnte ein qualvoller, wütender Aufschrei des Regenten in seinen Ohren…