Das gewaltige, finstere Gebilde vor ihnen schien aus den Urtiefen Acyras emporgewachsen zu sein. Scharfkantiges, schwarzes Gestein, das jedes Licht absorbierte und keinerlei Leben in seiner Nähe zu dulden schien. Gezackte Felstürme ragten wie Speere aus dem sandigen Boden. Nichts gedieh hier, kein Gras, kein Strauch. So weit das Auge blickte nur totes Gestein, das bis in die letzten Enden von einer diabolischen Bosheit durchdrungen war. Blitze zuckten aus dem düsteren, wolkenverhangenen Himmel und tauchte das steinerne Monstrum für kurze Zeit in gleißend helles Licht, das die Bedrohlichkeit dieses Ortes nur noch deutlicher hervortreten ließ. Ein eisiger Wind peitschte aggressiv durch die zahlreichen Spalten und Risse, die das Gestein durchzogen. In tiefes, dunkles Grollen erfüllte die Luft. Zacken, Felsvorsprünge, widernatürliche Gesteinswindungen, steile Abgründe und Gesteinsbögen, die irgendeine finstere Macht aus dem Gestein heraus gemeißelt haben mochte, verliehen diesem Gebilde eine unbeschreibliche Form, die kein Lebewesen Acyras in seiner Gesamtheit erfassen mochte. Keine Macht Acyras würde dieses Gestein, das womöglich eine eigene Form der Existenz besaß, erschüttern. Tiefe Risse und Spalten im Gestein gaben den Blick frei auf eine undurchdringliche Schwärze, die endlos ins Nichts führen mochte. Der Hauch des Bösen entströmte den Öffnungen. Zwergengleich wirkte selbst der Poco Nachistir vor diesem Felsgiganten, der im Westen in den Dunklen See überzugehen schien, im Südosten schloss sich die Todeswüste an und wohin das Auge sonst noch Blicke gab es nur totes, lebensfeindliches Land. Vertrockneter harter Boden, auf dem eine Staubschicht vom eisigen Wind in ewiger Bewegung gehalten wurde. Die Sandkörner peitschen empor, stachen ihnen wie Messerklingen in die Haut. Der Kennek versuchte sich hinter dem Poco zu verbergen, doch auch die andren hatten ihre Mühe damit, diesen Naturgewalten, die rings um sie herum tobten standzuhalten. Mit entschlossenem Blick standen sie wie winzige Insekten vor dem Ort, zu dem Nair-Da sie gebracht hatte: SOTH-TREN. Niemand sprach es aus, doch trotzdem hatten sie alle bereits beim ersten Blick gewusst, wo sie sich befanden. Einen solchen Ort konnte es nur einmal auf Acyra geben und es war schlimm genug, dass es ihn überhaupt gab. Die Macht, mit der der Regent dieses Unterschlupf, dieses Etwas, geschaffen hatte, musste unvorstellbar gewesen sein. Die eisige Kälte, die an sich schon ein Widerspruch der Natur war, lähmte ihre Glieder. Sie fraß sich in ihre Körper und verzehrte ihren letzten Funken an Hoffnung. Das Heulen des Windes, sein tausendfaches Echo, das von dem Gestein verstärkt wurde und das tiefe Donnergrollen klang in ihren Ohren wie ein dämonisches Hohngelächter. Acnari fröstelte. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass ihre Reise sie eines Tages an diesen Ort führen würde. Am liebsten wäre sie in Panik ausgebrochen und laut schreiend in die unendliche Öde gerannt. Doch sie lehnte an der starken Schulter ihres Bruders Trabin. Die Feuerklinge in der Hand des Erwählten leuchtet hell auf und schien die einzige kraftspendende Oase in dieser schrecklichen Umgebung zu sein. Danair umklammerte seine Axt mit beiden Händen. Ein verbissener Ausdruck lag in seinem Gesicht. Er wüsste, dass es seine Bestimmung war, nach all’ den Jahren endlich Rache zu nehmen für den Tod seiner Eltern. Vor ihm lag seine Bestimmung, die Gelegenheit, auf die er ein Leben lang gewartet hatte… Der Poco fühlte zum ersten Mal in seinem Leben, was er noch nie zuvor empfunden hatte. Er fühlte sich beengt, ohnmächtig und hilflos. Das Gefühl, das die Menschen ‘Angst’ nannten, hatte Besitz von ihm ergriffen. Nervös spielte er mit seinem Barbarenschwert. Zum ersten Mal in seinem Leben machte er sich Gedanken darüber, ob er sein Leben wirklich so genutzt hatte, wie er es hätte tun können. War der Kampf wirklich sein Leben? Hatte er nicht noch so viele Dinge im Leben verpasst, die er vielleicht nie wieder würde nachholen können, weil es ein ‘später’ vielleicht nicht mehr gab? Der Kennek zitterte am ganzen Leib und kam sich noch unwichtiger und bedeutungsloser vor, als je zuvor. Hier würde sich die Zukunft Acyras entscheiden und obwohl jeder echte Kennek eigentlich stolz darauf sein müsste, das mitzuerleben, fragte er sich, ob er es wirklich erleben wollte! Sein loses Mundwerk war an allem Schuld! Hätte er doch nie diese verdammte Geldbörse gestohlen. Nein, er verwarf den Gedanken wieder, denn es war ja nicht so, dass er es wirklich bereute! Im Gegenteil. Jetzt war es ihm auf einmal klar: er war dazu berufen, den Regenten zu besiegen. Er ganz allein würde der Retter Acyras sein! Oder…? Smaruk beobachtete das Schauspiel der Naturgewalten in gelassener Ruhe. Der Magrolin zeigte selbst jetzt nicht, welche Gefühle in ihm vorgingen. In seinem Gesicht zeichnete sich weder Angst noch Unsicherheit ab. Huschte da nicht sogar ein wissendes Lächeln über seine Lippen. Hatte er nicht vielleicht von Anfang an gewusst, wohin sie ihre Reise führen würde. Konnte es sein, dass er stolz darauf war, endlich am Ziel zu sein? Auch Phochrist, der letzte im Bunde war ruhig und gefasst. Der Seher schien entschlossen, seiner Berufung zu folgen, denn er wusste, dass der Weg eines jeden Abarons vorgezeichnet war. Es gab eine höhere Macht, die längst über ihr Schicksal entschieden hatte, das wusste er. Der Abaron spürte eine Hand auf seiner Schulter. „Phochrist, ihr seid am Ziel.“ „Was?“ erstaunt wandte er sich um und erkannte eine vermummte Gestalt, die ihm nur allzu vertraut war. Selbst bis hier war ihnen der seltsame Fremde gefolgt, doch noch immer lagen seine Gesichtszüge im Schatten einer Kapuze verborgen. „Geh’, Phochrist. Glaube an Dich selbst, denn auf dem letzten Teil des Weges wirst Du sie führen.“ „Aber warum ich?“ „Es ist Dein Teil der Prophezeiung. Nur Du kannst es!“ „Aber… warum? Ich… ich kann es einfach nicht…. Du verlangst zu viel von mir!“ „Glaube daran! Du allein wirst sie führen, es ist Deine Berufung!“ Die vermummte Gestalt verblasste vor seinen Augen und verschwand schließlich vollends. Phochrist blickte in die besorgten und fragenden Augen seiner Kameraden und war sich wieder einmal sicher, dass sie nichts von seiner Begegnung mit dem Vermummten mitbekommen hatten. Aber konnte es sein, dass sie ihn nicht gesehen hatten? Er war doch mitten unter ihnen gewesen! „Phochrist, bist Du in Ordnung?“ „Was…? Ja, ist… ist schon gut.“ „War es eine Vision?“ „Ich… weiß es nicht. Vielleicht. Ich glaube wir sollten gehen, Freunde, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren!“ „Aber was ist mit Nair-Da und Kylon?“ Erst jetzt wurde ihnen bewusst, dass ihre beiden Gefährten nicht bei ihnen waren. Zu sehr waren sie mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt gewesen. Doch jetzt war der Schrecken noch viel größer. „Sie… sie haben es nicht geschafft! Das Portal – es muss sich hinter uns geschlossen haben, ohne dass sie es noch passieren konnten!“ „Das… das darf einfach nicht sein! Wir.. wir brauchen sie doch!“ „Wie sollen wir es nur ohne Nair-Das Hilfe schaffen, da … hinein zu kommen?“ Völlig ruhig sprach der Abaron. „Wir werden es schaffen. Kommt mit mir Freunde. Wir müssen unsere Aufgabe auch ohne sie erfüllen. WIR sind das Bündnis des Lichts! Folgt mir, ich… ich kenne den Weg!“ Ohne auf ihre verdutzten und fragenden Blicke einzugehen marschierte Phochrist los. Als Führer der kleinen Gruppe schritt er Soth-Tren entgegen…